Tobias stört

  

  

„Gebrauchsanweisung“ für schwierige Schüler

 

Ein verzweifelter Blick auf die Uhr im Unterrichtsraum verrät der Klassenlehrerin der 2b, was sie eigentlich lieber nicht wissen will: Noch fünf Minuten bis zum Pausenklingeln – und die Klasse hängt noch in der Präsentationsphase des Unterrichtsstoffs. An der Vorbereitung hat’s nicht gelegen, nicht an vergessenen Kopien oder Materialien: Der kleine Tobias ist wieder ausgerastet und hat durch sein Herumgehampel und Geschrei den Unterricht regelrecht gesprengt. Nach kurzer Zeit fühlten sich die ersten Schüler gestört, kurz danach begannen auch sie aufzustehen, zu reden und zu spielen. Jetzt tauschen Kerstin und Silke Diddl-Karten, Kai malt und Tobias – schlägt mit den Büchern in der Leseecke auf Katrin ein, die lautstark heult. Der Zug ist abgefahren. Auch für diese Stunde. Später im Lehrerzimmer das Mitgefühl der Kollegen: Ja, das kennen sie, klar der Schüler ist auch bei ihnen aufgefallen, Tobias stört eben einfach. Aber was tun?

 

In den letzten Jahren haben sich die Kinder und das Lehrer-Schüler-Verhältnis in der Grundschule sehr verändert. Lehrer sehen sich im Unterricht nicht mehr nur mit der Stoffvermittlung und ihrer angemessenen methodischen Aufbereitung konfrontiert, sondern werden zunehmend durch die sozialpädagogische Begleitung von Kindern in Anspruch genommen. Störungen des Unterrichtsablaufs durch „schwierige“ Schüler oder große Niveauunterschiede in Lernstand, Arbeits- und Sozialverhalten der Kinder gehören beinahe schon zum normalen Schulalltag. Mit Tobias stört. Vom Umgang mit schwierigen Kindern im Unterricht möchte der Autor Heinz-Peter Boyken nun Lehrern ein Praxishandbuch an die Hand geben, mit dem sie diesen Situationen begegnen, sie eventuell sogar vermeiden können. „Ich möchte mit diesem Buch Lehrkräften Anregungen und konkretes Handwerkszeug geben, mit dem sie im Unterricht arbeiten können“, erklärt der Autor im Vorwort. Ob als Einführung in einen schülerorientierten Unterricht oder als Nachschlagewerk bei konkreten Problemen: In Tobias stört hat der ehemalige Schulleiter und Lehrer in einer klar und direkt formulierten Sprache praktische Hilfestellungen aus seinen in über 35 Jahren gesammelten Unterrichtserfahrungen zusammengefasst, mit Bildern und Kopiervorlagen zur leichten Umsetzung im eigenen Unterricht. Die Klassenlehrerin der 2b und ihre Kollegen können so mit Hilfe von Beobachtungsbögen das Verhalten vom „Problemschüler Tobias“ analysieren und erhalten Tipps und Tricks, wie sie Kontakt aufnehmen und das Kind motivieren können, sein Verhalten als störend wahrzunehmen, es zu beobachten und Schritt für Schritt kontrolliert zu ändern. Es werden Hilfestellungen für die Erstellungen von Förderplänen angeboten und – im Falle eines Falles: Auch der Rahmen von Schule und Lehrkraft für mögliche Konsequenzen sehr gravierender oder länger andauernder Störungen abgesteckt.

 

Als essenziell für seine Arbeit mit schwierigen und schwachen Schülern beschreibt Boyken zum einen das Prinzip der Freiarbeit. „Eine immer größere werdende Anzahl von SchülerInnen arbeitete in meiner Klasse weitgehend selbstständig. Dadurch gewann ich Zeit, möglichst häufig mit einer kleinen Schülergruppe von lernschwachen oder verhaltensschwierigen Schülern (aber auch zeitweilig mit den leistungsstarken SchülerInnen) gezielt und individuell zu arbeiten.“ Jedes Kind könne so an dem Lernstand abgeholt werden, an dem es sich gerade befinde – und in dieser Konstellation lernen, die ihm gerade entspräche, allein, in Partnerarbeit oder in der Gruppe. Auf dem Weg vom lehrerzentrierten Unterricht im Klassenverbund hin zum binnendifferenzierten schülerorientierten Unterricht erfährt die Rolle des Lehrers eine Umdeutung vom „Belehrenden“ hin zum „Helfer und Lernbegleiter“. Diese Veränderungen Schritt für Schritt zu veranschaulichen, ist ein weiteres Ziel von Tobias stört. Beispiele der Rhythmisierung des Unterrichts und der damit verbundenen Binnendifferenzierung in der Arbeit mit den Schülern, aber auch konkrete Vorschläge zum Klassenraum und zu den Lernmitteln werden bildhaft dargestellt, sodass auch jeder Lehrer an der Stelle abgeholt werden kann, an der er mit der Gestaltung seines Unterrichts gerade steht. Die mitgelieferte CD bietet dafür eine Vielzahl von Kopiervorlagen und Unterrichtsideen.

 

Zum anderen betont der Autor die herausragende Rolle eines positiven und liebevollen Lernklimas im Unterricht. „Besonders die „auffälligen“ Schüler leiden oft unter einem Defizit von emotioneller Zuwendung und Nähe. Spüren diese Schüler dann in der Klasse, dass die Lehrkräfte sie mögen, lässt sich manches unerwünschte Verhalten viel leichter verändern. Eine positive emotionale Bindung zum Lehrer und zum Klassenverband ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit außerordentlich wichtig.“ Das „Loben“ der Schüler bei besonderen Leistungen – aber auch bei jedem individuellen Fortschritt, egal wie groß er sein möge – spielt hierbei eine große Rolle. Dies betrifft dabei sowohl die schulischen Leistungen wie auch die Regeln des täglichen Miteinanders in der Schule. Basis hierfür ist ein von Schülern und Lehrern gemeinsam erarbeitetes Regelwerk, das die Schüler über erwünschtes Verhalten reflektieren lässt – ihnen aber auch die Grenzen vor Augen führt. Schüler, die ein positives Feedback bekommen, sind zufriedener, motivierter und selbstbewusster. Und dieses Feedback kann ein Lehrer in vielerlei Hinsicht aussprechen: verbal bei kleinen Ritualen, in denen der individuelle Kontakt zwischen Schüler und Lehrer aufgebaut und gepflegt wird, schriftlich unter den Hausaufgaben, symbolisch durch Urkunden und kleine Überraschungen oder durch „Vergünstigungen“ wie „Hausaufgabengutscheine“, Spielstunden o.ä.. Tobias stört vermittelt eine Menge Anregungen für einen positiven Umgang – nicht nur mit „schwierigen“ Schülern.

 

Heinz-Peter Boyken: Tobias stört. Vom Umgang mit schwierigen Schülern, Academic Transfer 2009, 187 S. und CD-ROM